10. Januar 2026 – Der folgende offene Brief wurde Anfang Januar 1921 in der Zeitung der KPD (damals VKPD), Die Rote Fahne,1 veröffentlicht. Er stellt eine Anwendung der Einheitsfront-Taktik dar, die auf dem III. Kongress der Kommunistischen Internationale im Juli–August des gleichen Jahres festgehalten wurde. Siehe dazu auch „Die ersten vier Kongresse der Kommunistischen Internationale: Chronologie der Ereignisse (1912–1924)“ und „Der III. Weltkongress der Komintern 1921 und der Kampf für den Bolschewismus“. Der Brief war bisher online nur als Scan der Roten Fahne verfügbar.
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an
Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund,
Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände,
Allgemeine Arbeiterunion,
Freie Arbeiterunion (Syndikalisten),
Sozialdemokratische Partei Deutschlands,
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands,
Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands.
Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands hält es für ihre Pflicht, in einem, für das gesamte deutsche Proletariat bedeutsamen und schweren Augenblicke sich an alle sozialistischen Parteien und Gewerkschaftsorganisationen zu wenden.
Die fortschreitende Zersetzung des Kapitalismus, die Rückwirkungen der einsetzenden Weltkrise zu den Wirkungen der besonderen deutschen Krise, die fortschreitende Entwertung des Geldes und die in Deutschland noch immer fortschreitende Steigerung der Preise aller Lebensmittel und Bedarfsgegenstände, die zunehmende Arbeitslosigkeit und Verelendung der breiten Massen machen es notwendig, daß die proletarische Klasse sich als Gesamtheit zur Wehr setzt, und dabei nicht nur der Industrieproletarier gedenkt, sondern all der Schichten, die, erst jetzt erwachend, sich ihres proletarischen Charakters bewußt werden.
In dieser unerträglichen Situation wird das Proletariat gehalten durch die fortschreitende Reaktion, die in Orgesch,2 in dem Meuchelmord, in der Justiz, die jeden Meuchelmord deckt, immer neue Fesseln für das Proletariat erfindet und die auf die Uneinigkeit des Proletariats spekuliert.
Die VKPD. schlägt daher sämtlichen sozialistischen Parteien und Gewerkschaftsorganisationen vor, sich auf folgender Grundlage zu unmittelbar zu beginnenden, im einzelnen noch näher zu besprechenden Aktionen zusammenzufinden
I a) Einleitung von einheitlichen Lohnkämpfen zur Sicherstellung der Existenz der Arbeiter, Angestellten und Beamten.
Verbindung der einzelnen Lohnkämpfe der Eisenbahner, Beamten und Bergleute, sowie der anderen Industrie- und Landarbeiter zur geschlossenen Aktion.
b) Erhöhung aller Renten und Pensionen der Kriegsopfer, Rentner und Pensionäre entsprechend den geforderten Lohn- und Gehaltssätzen.
c) Einheitliche Regelung der Arbeitslosenbezüge für das ganze Reich auf der Grundlage der Verdienste der Vollbeschäftigten.
Belastung des Reiches mit der Unterstützung unter ausschließlicher Heranziehung des Kapitals für diese Zwecke.
Kontrolle der Arbeitslosen durch besondere Arbeitslosenräte in Verbindung mit den Gewerkschaften.
II. Maßnahmen zur Verbilligung der Lebenshaltung, nämlich:
a) Abgabe verbilligter Lebensmittel an alle Lohn- und niederen Gehaltsempfänger (Rentenempfänger, Witwen-, Waisengeldempfänger usw.) unter Heranziehung der Konsumvereine und unter Kontrolle der Gewerkschaften und Betriebsräte.
Bereitstellung der Mittel dafür durch das Reich.
b) Sofortige Beschlagnahme aller zur Verfügung stehenden bewohnbaren Räume mit dem Recht nicht nur zwangsweiser Einquartierung, sondern auch zwangsweiser Ausquartierung kleiner Familien aus großen Wohnungen oder gar Häusern.
III. Maßnahmen zur Bereitstellung von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen:
a) Kontrolle aller vorhandenen Rohmaterialien, Kohle, Düngemittel durch die Betriebsräte.
Wiederingangsetzung aller stillgelegten Betriebe, soweit sie Bedarfsgegenstände herstellen; Verteilung dieser so hergestellten Gegenstände nach den Grundsätzen zu II a).
b) Kontrolle der Herstellung, der Ernte und des Verkaufs aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse durch Guts- und Kleinbauernräte in Verbindung mit den Landarbeiterorganisationen.
IV a) Sofortige Entwaffnung und Auflösung aller bürgerlichen Selbstschutzorganisationen und Bildung proletarischer Selbstschutzorganisationen in allen Ländern und Gemeinden.
b) Amnestie für alle Delikte, die aus politischen Motiven oder aus Gründen der bestehenden allgemeinen Not begangen wurden. Freilassung aller politischen Gefangenen.
c) Aufhebung der bestehenden Streikverbote.
d) Sofortige Aufnahme der Handels- und diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland.
Indem wir diese Aktionsgrundlage vorschlagen, verheimlichen wir keinen Augenblick, weder uns selbst noch den Arbeitermassen, daß die von uns aufgestellten Forderungen ihre Not nicht beseitigen können. Ohne auch für einen Augenblick darauf zu verzichten, in den Arbeitermassen den Gedanken um den Kampf, um die Diktatur, den einzigen Weg zur Erlösung, weiter zu verbreiten, ohne darauf zu verzichten, die Arbeitermassen in jedem günstigen Moment zum Kampf um die Diktatur aufzufordern und zu führen, ist die Vereinigte Kommunistische Partei bereit, mit anderen Parteien, die sich auf das Proletariat stützen, gemeinsam die Aktion um die oben angeführten Maßregeln durchzuführen.
Wir verbergen die Gegensätze nicht, die uns von den anderen Parteien trennen. Wir erklären vielmehr: wir wollen von den Organisationen, an die wir uns wenden, nicht ein Lippenbekenntnis zu den vorgeschlagenen Aktionsgrundlagen, sondern die Aktion für die aufgestellten Forderungen.
Wir fragen die Parteien, an die wir uns wenden, nicht: Haltet ihr diese Forderungen für berechtigt, das setzen wir voraus.
Wir fragen sie:
Seid ihr bereit, gemeinsam mit uns für diese Forderungen unverzüglich den rücksichtslosesten Kampf aufzunehmen?
Auf diese klare und eindeutige Frage sehen wir einer ebenso klaren und eindeutigen Antwort entgegen. Die Situation erfordert auch eine rasche Antwort. Wir erwarten deshalb eine Antwort bis zum 13. Januar 1921.
Sollten die Parteien und die Gewerkschaften, an die wir uns wenden, nicht gewillt sein, den Kampf aufzunehmen, so würde die VKPD. sich für verpflichtet erachten, diesen Kampf allein zu führen, und sie ist überzeugt, daß ihr die Arbeitermassen folgen werden. Schon heute wendet sich die VKPD. an alle proletarischen Organisationen im Reiche und die sich um sie sammelnden Arbeitermassen mit der Aufforderung, in Versammlungen ihren Willen zur gemeinsamen Abwehr gegen den Kapitalismus und gegen die Reaktion, zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Interessen zu bekunden.
Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands.
IV. Jahrg., Nr. 11, 8. Januar 1921, Morgen-Ausgabe.↩︎
Die 1920 von Georg Escherisch gegründete rechtsextreme „Organisation Escherich“, kurz „Orgesch“, war mit etwa einer Million Mitgliedern eine der größten paramilitärischen sogenannten „Selbstschutzorganisationen“ in der Weimarer Republik und damit eine tödliche Bedrohung für die gesamte Arbeiterbewegung – E&P.↩︎