Folgendes ist die Übersetzung von „The Peasant War in Germany by Frederick Engels – Comments by D. Riazanov“, der englischsprachigen Übersetzung von Kommentaren zu Friedrich Engels’ Der deutsche Bauernkrieg,1 die David Rjasanow im Juli 1925 in Moskau verfasste.
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Seit dem großen Bauernkrieg in Deutschland sind vierhundert Jahre vergangen. Er unterscheidet sich von ähnlichen Bauernaufständen im 14. Jahrhundert in Italien, Frankreich und England dadurch, dass diese Aufstände mehr oder weniger lokalen Charakter hatten und gegen die sich damals entwickelnde Geldwirtschaft gerichtet waren, während der Bauernkrieg, der sich in der Epoche des Frühkapitalismus abspielte, der gerade einen Weltmarkt schuf, eng mit den Ereignissen der Reformation verbunden war. Dieser im Vergleich zum 14. Jahrhundert komplexere historische Hintergrund führte zu einer komplexeren Klassengruppierung, deren Kampf den gesamten Verlauf des Bauernkrieges bestimmte. Auch die Rolle proletarischer Elemente wird im Vergleich zu früheren Aufständen deutlicher.
Es war nur natürlich, dass mit dem Aufkommen einer demokratischen Bewegung in Deutschland, insbesondere nach der Juli-Revolution2 in Frankreich, die Aufmerksamkeit auf die Erforschung des großen Bauernkrieges gelenkt wurde. Es erschienen eine Reihe allgemeinverständlicher Broschüren und Werke, die einzelne Phasen der Bewegung untersuchten, und 1841 wurde das monumentale Werk von [Wilhelm] Zimmermann3 veröffentlicht, das bis heute die detaillierteste Darstellung der Ereignisse des Bauernkrieges in Deutschland ist.
Es war auch selbstverständlich, dass die deutschen Kommunisten,4 die sich mit der Notwendigkeit konfrontiert sahen, zu bestimmen, inwieweit man sich auf die Bauernschaft als revolutionären Faktor verlassen konnte, die Geschichte des Bauernkrieges sorgfältig studierten. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich insbesondere auf die Anführer des Bauernkrieges, darunter Thomas Müntzer. Es ist bezeichnend, dass Engels bereits 1845 in einem seiner ersten Artikel für die Chartisten-Zeitung Northern Star die englischen Arbeiter auf diesen „berühmten Führer des Bauernaufstandes von 1525“5 aufmerksam machte, der laut Engels ein echter Demokrat war und für echte Forderungen kämpfte, nicht für Illusionen.
Marx und Engels, die die Rolle der Bauernschaft bei der Verwirklichung einer sozialen Revolution sehr nüchtern betrachteten, unterschätzten nie ihre Rolle als revolutionärer Faktor im Kampf gegen die Großgrundbesitzer und Feudalherren. Sie verstanden sehr gut, dass die Bauernschaft umso fähiger zu allgemeinen politischen Aktionen ist, je mehr sie unter die Führung revolutionärer Klassen gerät, die sie vereinen. Unter der Führung des revolutionären Proletariats, dessen Kampf gegen den Kapitalismus in der Stadt und auf dem Land sie unterstützte, schien die Bauernschaft ein sehr wichtiger Verbündeter zu sein. Deshalb prangerten Marx und Engels während der Revolution von 1848–49 das feige Verhalten der deutschen Bourgeoisie gnadenlos an, die sich, um sich bei den Junkern einzuschmeicheln und aus Angst vor dem Proletariat, geweigert hatte, die Interessen der Bauernschaft zu verteidigen.
Mit dem Ziel, die deutsche bürgerliche Demokratie zu schulen, schrieb Engels 1850, unterstützt durch das von dem Demokraten Zimmermann gesammelte Faktenmaterial, diesen großartigen Bericht über den Deutschen Bauernkrieg. Zunächst gibt er ein Bild von der wirtschaftlichen Lage und der Klassenzusammensetzung Deutschlands zu dieser Zeit. Dann zeigt er, wie aus diesem Boden die verschiedenen Oppositionsgruppen mit ihren Programmen entstehen, und gibt eine farbenfrohe Charakterisierung von Luther und Müntzer. Das dritte Kapitel enthält eine kurze Geschichte der Bauernaufstände im Deutschen Reich von 1476 bis 1517, also bis zum Beginn der Reformation. Im vierten Kapitel wird die Geschichte des Aufstands des Adels unter der Führung von Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten behandelt. Das fünfte und sechste Kapitel enthalten eine Schilderung der Ereignisse des Bauernkrieges als solchem mit einer ausführlichen Erläuterung der Hauptursachen für die Niederlage der Bauern. Im siebten und letzten Kapitel werden die Bedeutung des Bauernkrieges und seine Folgen für die deutsche Geschichte erläutert.
Engels’ gesamtes Werk ist von der Idee durchdrungen, dass ein gnadenloser Kampf gegen die Feudalherren, die Grundbesitzer, notwendig ist. Nur eine radikale Abschaffung aller Spuren feudaler Herrschaft, so Engels, könne die günstigsten Bedingungen für den Erfolg einer proletarischen Revolution schaffen. In dieser Hinsicht stimmte Engels mit Marx überein, der ihm später (am 16. April6 1856) schrieb: „The whole thing in Germany7 wird abhängen von der Möglichkeit, to back the Proletarian revolution by some second edition of the Peasants’ war.8 Dann wird die Sache vorzüglich.“9
Ganz anders war die Auffassung von Lassalle, der die Bedeutung des Aufstands des Adels überschätzte, Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten idealisierte und die revolutionäre Bewegung der unteren plebejischen Schichten zu geringschätzig behandelte. Seiner Meinung nach war der Bauernkrieg trotz seines revolutionären Anscheins in Wirklichkeit eine reaktionäre Bewegung.
„Sie wissen, meine Herren,“ sagte er zu den Berliner Arbeitern, „daß die Bauern damals die Burgen der Adligen niederbrannten, die Adligen selbst töteten, sie, was die damals übliche Form war, durch die Spieße laufen ließen. Und nichtsdestoweniger, trotz dieses äußeren revolutionären Anstriches, war die Bewegung innerlich von Grund aus reaktionär.“10
Die russischen revolutionären Populisten, insbesondere die Anhänger Bakunins, setzten Lassalles Ansichten über die Bauern oft mit den Ansichten von Marx und Engels gleich. Damit folgten sie Bakunins Beispiel, der Folgendes schrieb:
„Jeder weiß, dass Lassalle wiederholt die Idee zum Ausdruck brachte, dass die Niederschlagung des Bauernaufstands im 14. Jahrhundert und die darauf folgende Stärkung und das rasche Wachstum des bürokratischen Staates in Deutschland ein wahrer Triumph für die Revolution waren.“11
Laut Bakunin betrachteten die deutschen Kommunisten alle Bauern als reaktionäre Elemente.
„Tatsache ist,“ fügte er hinzu, „dass die Marxisten nicht anders denken können; als Verehrer der Staatsmacht um jeden Preis sind sie dazu verdammt, jede Volksrevolution zu verfluchen, insbesondere eine Bauernrevolution, die von Natur aus anarchisch ist und direkt zur Vernichtung des Staates führt.“12
Als Bakunin diese Zeilen schrieb, gab es bereits die zweite Auflage von Engels’ Werk über den Bauernkrieg mit einem neuen Vorwort (1870),13 in dem die Inkonsequenz von [Wilhelm – E&P] Liebknecht und anderen zeitgenössischen deutschen Sozialdemokraten in der Agrarfrage kritisiert wurde. 1875 erschien die dritte Auflage mit einem Nachtrag,14 der den scharfen Unterschied zwischen den Ansichten von Marx und Engels einerseits und Lassalle andererseits noch stärker hervorhob.
Es muss angemerkt werden, dass Engels sich in den letzten Jahren seines Lebens intensiv mit dem Studium des Bauernkrieges befasste und kurz davor stand, sein altes Werk zu überarbeiten.
Im Jahr 1882 schrieb er einen besonderen Zusatz zu seinem Werk Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, der sich mit der Geschichte der deutschen Bauernschaft befasste.15 Am 31. Dezember 1884 schrieb er an Sorge: „Meinen ‚Bauernkrieg‘ arbeite ich ganz um. Wird Angelpunkt der ganzen deutschen Geschichte. Das gibt auch Arbeit. Aber die Vorstudien sind so gut wie fertig.“16
Die Arbeit an der Vorbereitung des zweiten und dritten Bandes von Das Kapital für die Veröffentlichung hinderte ihn daran, seinen Plan umzusetzen. Im Juli 1893 schrieb er an Mehring: „Wenn ich dahin komme, die historische Einleitung zu meinem ‚Bauernkrieg‘ neu zu bearbeiten, was, wie ich hoffe, nächsten Winter geschieht, dann werde ich die bezüglichen Punkte dort entwickeln können“17 [über die Bedingungen des Auseinanderbrechens Deutschlands und die Ursachen der Niederlage der deutschen bürgerlichen Revolution des 16. Jahrhunderts].
Als Kautsky sein Buch über die Vorläufer des modernen Sozialismus18 schrieb – es erschien in Fortsetzungen – schrieb Engels ihm am 21. Mai 1895:
„Von Deinem Buch kann ich sagen, daß es sich bessert, je weiter man darin kommt. Plato und das Urchristentum sind noch zu ungenügend nach dem ursprünglichen Plan behandelt. Die mittelalterlichen Sekten schon viel besser, und zwar crescendo: am besten die Taboriten, Münzer, die Wiedertäufer. Sehr viel wichtige ökonomische Reduktionen der politischen Ereignisse, daneben aber auch Gemeinplätzliches, wo eine Lücke im Studium vorlag. Ich habe aus dem Buch sehr viel gelernt; für meine Neubearbeitung des ‚Bauernkriegs‘ ist es eine unentbehrliche Vorarbeit.
Die Hauptfehler scheinen mir zwei: 1. Sehr mangelhafte Untersuchung der Entwicklung und Rolle der ganz außerhalb der feudalen Gliederung stehenden, deklassierten, fast pariamäßig gestellten Elemente, die unvermeidlich mit jeder Stadtbildung aufkommen mußten und die unterste, rechtlose Schicht jeder Stadtbevölkerung im Mittelalter bilden, los von Markgenossenschaft, feudaler Abhängigkeit und Zunftverband. Das ist schwer, aber es ist die Hauptbasis, denn allmählich, mit Auflösung der Feudalbande, wird dies das Vorproletariat, das 1789 in den Pariser Faubourgs19 die Revolution machte, absorbiert alle Auswürflinge der feudalen und zünftigen Gesellschaft. Du sprichst von Proletariern, der Ausdruck schielt, und ziehst die Weber hinein, deren Wichtigkeit Du ganz richtig schilderst – aber erst seitdem es deklassierte, nichtzünftige Weberknechte gab, und nur soweit es deren gab, kannst Du diese zu Deinem ‚Proletariat‘ rechnen. Hier ist noch viel nachzuholen.
2. Hast Du die Weltmarktstellung – soweit davon die Rede sein kann, die internationale ökonomische Stellung Deutschlands Ende des XV. Jahrhunderts nicht voll erfaßt. Diese Stellung erklärt allein, weshalb die bürgerlich-plebejische Bewegung in religiöser Form, die in England, den Niederlanden, Böhmen erlag, im 16. Jahrhundert in Deutschland einen gewissen Erfolg haben konnte: den Erfolg ihrer religiösen Verkleidung, während der Erfolg des bürgerlichen Inhalts dem folgenden Jahrhundert und den Ländern der inzwischen entstandnen neuen Weltmarktsrichtung vorbehalten blieb: Holland und England. Das ist ein langes Thema, das ich beim ‚Bauernkrieg‘ in extenso darzustellen hoffe – wär’ ich erst dabei!“20
Der Tod – Engels starb einige Tage nach dem Verfassen dieses Briefes (5. August 1895) – hinderte ihn daran, diese Arbeit zu vollenden.
D. Rjasanow
Moskau, Juli 1925