Der folgende Artikel ist übersetzt aus „Revolutionary Trotskyism vs. Gramscism: The Programmatic Clash“, veröffentlicht in The Internationalist,1 Zeitung der Internationalist Group, US-Sektion der Liga für die Vierte Internationale (LVI).
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Folgendes ist eine Übersetzung des vollständigen Textes des Aufsatzes zu diesem Thema, von dem eine gekürzte Fassung auf der Online-Veranstaltung „Trotsky in Permanence“ (encuentrotrotsky.org) am 6. August 2021 vorgestellt wurde.
Es ist bekannt, dass sich die Ideen von Antonio Gramsci seit einigen Jahrzehnten allseitiger Beliebtheit in der internationalen Linken erfreuen. Gruppen und Anhänger stalinistischer, eurokommunistischer, sozialdemokratischer, populistischer und sogar bürgerlich-liberaler Strömungen, darunter auch einige, die sich mit dem Trotzkismus identifizieren, erheben Anspruch auf das Erbe des italienischen kommunistischen Führers. In der Wissenschaft sind gramscianische Konzepte in verschiedenen Disziplinen (Pädagogik, Geschichte, Soziologie, Volkswirtschaft) weit verbreitet, selbst in Kreisen, die kaum als radikal bezeichnet werden können. In Italien wurde Gramsci zu einer nationalen Ikone, einem der Väter der Republik, so sehr, dass sogar Silvio Berlusconi mit dem Erbe des sardischen Marxisten prahlt, der in Mussolinis Gefängnissen starb.
Andererseits ist Gramsci zum Lieblingsziel der Ultrarechten geworden, sogar von Präsidenten wie Jair Bolsonaro in Brasilien und Donald Trump in den Vereinigten Staaten. Vor ein paar Jahren hielt der brasilianische Außenminister einen Vortrag bei der Heritage Society in Washington, einem konservativen Thinktank, wo er vor der Gefahr des „Kulturmarxismus im Allgemeinen und „Antonio Gramsci und Drogenhandel im Besonderen warnte. An seinem letzten Tag im Amt veröffentlichte Trumps Weißes Haus ein Dokument mit dem Titel „The 1776 Report (benannt nach dem Jahr, in dem die Unabhängigkeit der USA erklärt wurde), um einen Kulturkrieg zu führen, den er in den Schulen auszulösen versucht und der Gramsci als Autor der Identitätspolitik anprangert.
Deshalb möchte ich hier betonen, dass diejenigen, die Gramsci verehren, und auch diejenigen, die ihn verteufeln, dies aus ihren eigenen Gründen tun. Lassen wir Trump und Bolsonaro beiseite und konzentrieren uns auf die linken Anhänger des italienischen Theoretikers und kommunistischen Führers der 1920er Jahre.
Die ersten, die Gramsci wiederentdeckten, waren die Führer der Kommunistischen Partei Italiens, nachdem Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im Jahr 1956 die Verbrechen Stalins aufgedeckt hatte. Indem sie Gramsci priesen, konnten sie für sich ein anderes Erbe in Anspruch nehmen als das, bedingungslose Handlanger des großen Organisators der Siege und des Henkers der Moskauer Prozesse zu sein. Mitte der 1960er Jahre stießen Gramscis Schriften bei der Neuen Linken in Europa und den Vereinigten Staaten als „heterodoxer Marxismus auf Interesse. Nach dem „Französischen Mai von 1968 und insbesondere der Tatsache, dass all die studentischen Unruhen und Fabrikbesetzungen durch Arbeiter nicht zu einer Revolution führten, gab es unter den enttäuschten „soixante-huitards“ (68ern) einen neuen Anstieg des Interesses an Gramsci.
Warum? Sie waren durch Persönlichkeiten wie den Akademiker Louis Althusser, damals Maoist, besonders an Gramscis Hegemoniekonzept und seiner These interessiert, dass es einer „subalternen Gruppe – in der esoterischen Sprache, die unter Hochschulabsolventen so beliebt ist – das heißt, in marxistischer Terminologie, einem Sektor der Ausgebeuteten oder Unterdrückten, gelingen kann, „die Stufe der politisch-intellektuellen Hegemonie in der Zivilgesellschaft und der Herrschaft im Staat zu erreichen.“ Gramsci schrieb, dass im Gegensatz zum zaristischen Russland, das seiner Meinung nach seine Untertanen fast ausschließlich durch staatliche Macht beherrschte, westliche Gesellschaften über ein Gefüge von Institutionen verfügen, durch die die herrschende Klasse ihre Vorherrschaft aufrechterhält, und zwar durch Mittel, die über die Polizeigewalt hinausgehen. In solchen Gesellschaften, so argumentierte er, müsse man, bevor man die Übernahme der politischen Macht in Betracht ziehe, zunächst darum kämpfen, die kulturelle Führung zu erobern.
Dies war sehr attraktiv für ehemalige linke Studierende, die Akademiker geworden waren und sich der Erziehung einer neuen Generation von Jugendlichen widmen konnten, um die „politisch-intellektuelle“ Hegemonie der Bourgeoisie zu brechen, als eine Vorstufe oder zur Vorbereitung der Revolution. Sie glaubten, dass sie sich zu diesem Ziel staatliche Initiativen zunutze machen könnten, die darauf abzielten, dem Radikalismus des Mai 68 durch die Gründung einer ganzen Reihe neuer Universitäten in der Umgebung von Paris – Paris VIII (Saint-Denis), Paris X (Nanterre) usw. – ein Ventil zu bieten. Und das nicht nur in Frankreich. In Mexiko wird nach jeder Studentenrevolte eine neue Universität gegründet, an der ehemalige Studentenführer eingestellt werden – nach 1968 wurde die Autonome Metropol-Universität (UAM) gegründet; nach dem zehnmonatigen Streik von 1999–2000 wurde die Autonome Universität von Mexiko-Stadt (UACM) gegründet.
Hier gibt es zwei große Probleme. Zum einen stellt sich die Frage: In dieser seltsamen „Allianz, sagen wir mal, zwischen den gramscianischen Intellektuellen und dem Staat, der sie angestellt hat, wer ist der Reiter und wer ist das Pferd? In Wirklichkeit war es die Bourgeoisie, die von dem „langen Marsch durch die Institutionen“ der ehemaligen 68er profitierte, wie es der deutsche Neue Linke Rudi Dutschke formulierte, der von Gramsci beeinflusst war. Und zweitens widersprechen Gramscis These und die „Praxis“ der Post-68er-Gramscianer von Grund auf Marx’ These in Die deutsche Ideologie (1846), in der es heißt: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion ….“2
In Wirklichkeit kann der herrschenden Kapitalistenklasse die politisch-intellektuelle Hegemonie nur in einer revolutionären Krise entrissen werden. Die Vorstellung, es könne eine mehr oder weniger lange Vorbereitungszeit geben, in der proletarische Revolutionäre vor der Machtergreifung die Vorherrschaft in der Gesellschaft erlangen können, ist grundlegend falsch. In gewisser Weise unterscheidet sich dies von der Situation der Vorhut der Bourgeoisie, die in feudalen oder halbfeudalen Gesellschaften an Einfluss gewann, wie die Philosophen im Zeitalter der Aufklärung. Da sie die Hegemonie nicht erobern können, spielen die akademischen Pseudolinken der Bourgeoisie in die Hände. Die ideologische Vorbereitung der kommenden sozialistischen Revolution ist hauptsächlich die Aufgabe der kommunistischen Arbeiterpartei, die sich in den Klassenkampf einbringt und Kader heranbildet, in dialektischer Beziehung zur wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft.
Zusammengefasst ist das Kampfziel von Gramsci und seinen Anhängern, die politisch-intellektuelle Hegemonie in der Gesellschaft vor der Revolution zu erobern, antimarxistisch und zum Scheitern verurteilt. Diejenigen, die sich von diesem Plan leiten lassen, dienen der Bourgeoisie, indem sie den Kampf auf reformistische Ziele lenken.
Dies bringt mich zu den zeitgenössischen Gramsci-Anhängern der politischen Strömungen, die sich selbst als Trotzkisten verstehen. Ich beziehe mich hier vor allem auf die Strömung, die sich Trotzkistische Fraktion nennt. Auf den ersten Blick – und auch auf den zweiten und dritten – ist es schon erstaunlich, dass Gruppen, die behaupten, die Politik von Leo Trotzki zu vertreten, versuchen, sich Gramsci zu eigen zu machen oder die Inhalte dieser sehr unterschiedlichen Traditionen zu verbinden oder sie zumindest als sich gegenseitig ergänzend zu betrachten. Auf programmatischer Ebene gibt es tiefe Widersprüche zwischen dem revolutionären Trotzkismus und dem Kern der gramscianischen Auffassungen. Es ist offensichtlich, dass man aufgrund der Natur seines Werks nicht von einer Gramsci’schen Theorie sprechen kann, was besonders deutlich in den Gefängnisheften wird, die unter repressiven Bedingungen verfasst wurden, die sprachliche Zwänge mit sich brachten, in fragmentarischer Form erhalten sind und widersprüchliche Passagen enthalten. So unterscheidet Gramsci an einigen (den meisten) Stellen die Zivilgesellschaft vom Staat, während er in anderen Aufsätzen die Zivilgesellschaft als integralen Bestandteil des Staates bezeichnet. Wie auch immer.
Dies hat zu zahlreichen humanistischen, stalinistisch-reformistischen, eurokommunistischen, sozialdemokratischen, liberalen, populistischen und jetzt trotzkistischen Interpretationen der Ideen von Antonio Gramsci geführt. Obwohl man nicht von einer Gramsci’schen Lehre an sich sprechen kann, gibt es eine Reihe seiner Konzepte, die von verschiedenen linken Gruppen übernommen wurden, wie z.B. der Kampf um die Hegemonie, den wir bereits erwähnt haben, der Kampf um die Kohärenz eines „neuen historischen Blocks, die Priorität eines „Stellungskrieges“ im Westen gegenüber dem „Bewegungskrieg oder Frontalangriff der Bolschewiki. All diese Vorstellungen widersprechen der Politik der Bolschewiki-Leninisten – d. h. der Trotzkisten in den 1930er Jahren – und stehen auch im Widerspruch zur Politik der frühen Kommunistischen Internationale unter Lenin und Trotzki. Insgesamt stellen sie eine rechtsgerichtete Abweichung vom Leninismus dar, die mehr oder weniger mit der Politik der Rechten Opposition von Bucharin übereinstimmt und in klarem Gegensatz zur Politik der Linken Opposition steht.
Lasst mich eine kategorische Aussage treffen: Antonio Gramsci hätte sich selbst nie als Trotzkisten betrachtet oder auch nur gedacht, dass seine theoretisch-philosophischen Ansätze mit dem Trotzkismus vereinbar wären. Mehr noch, jede dieser Ansichten wurde ausdrücklich gegen Trotzki entworfen und formuliert. So stellt er beispielsweise in seinen Gefängnisheften die These auf, dass „Bronsteins berühmte Theorie über den permanenten Charakter der Bewegung“ als „die politische Widerspiegelung …der allgemeinen wirtschaftlich-kulturell-sozialen Bedingungen eines Landes, in dem die Strukturen des nationalen Lebens embryonal und instabil sind“, angesehen werden kann. Er bezeichnet Bronstein (d. h. Trotzki) abfällig als „Kosmopoliten, der weder wirklich noch nur „äußerlich“ Russe oder Europäer sei. Er bemerkt verächtlich über Trotzki, dass „seine Theorie als solche weder 15 Jahre früher noch 15 Jahre später gut war“ und dass Trotzki in Bezug auf den Charakter der Oktoberrevolution von 1917 nur „mehr oder weniger richtig geraten“ habe. Er fährt fort, dass Trotzki angesehen werden könnte als „der politische Theoretiker des Frontalangriffs in einer Zeit, in der ein solcher Angriff nur zur Niederlage führen konnte“.
Die Trotzki-Gramscianer erklären solche polemischen Angriffe als Ergebnis von Verwirrung: Wie konnte Gramsci die Einheitsfrontpolitik loben, sie mit Lenin identifizieren und sie mit Trotzki in Gegensatz bringen, wenn dies die Politik beider Führer der bolschewistischen Revolution gegen die Politik einer allgemeinen revolutionären Offensive war, die von den sogenannten „linken Kommunisten“ auf dem Dritten Kongress der Dritten Internationale befürwortet wurde? Aber Gramsci wusste ganz genau, dass Trotzki die Einheitsfrontpolitik befürwortete, da Gramsci an diesem Kongress teilnahm. Er wusste auch, dass Trotzki das grundlegende Dokument zur Beschreibung dieser Politik, „Über die Einheitsfront , verfasst hatte. Dies war keine Verwirrung, sondern eine Verdrehung, die zu Gramscis kategorischer Ablehnung der permanenten Revolution passte.
Ein weiteres Beispiel für Versuche, Gramsci fälschlicherweise mit Trotzki in Verbindung zu bringen, ist der berühmte Brief, den ersterer im Oktober 1926, Wochen vor seiner Verhaftung, an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion schrieb. Darin prangert Gramsci im Namen des Politbüros der Kommunistischen Partei Italiens die Opposition auf der Grundlage von Behauptungen der bürgerlichen Presse an, wonach „aufgrund von Äußerungen der bekanntesten Führer des oppositionellen Blocks der Kommunistischen Partei der UdSSR selbst, der Sowjetstaat sich mit Sicherheit in einen reinen kapitalistischen Staat verwandelt“.3 Ebenso erklärt Gramsci, „wir [halten] die politische Linie der Mehrheit des ZK der Kommunistischen Partei der UdSSR grundsätzlich für richtig“,4 und fügt hinzu, dass
„die Verhaltensweise der Oppositionen die gesamte politische Linie des ZK betrifft und direkt ins Herz der Leninschen Lehre und der politischen Aktion unserer Partei der Sowjetunion stößt. Es handelt sich um das Prinzip und die Praxis der Hegemonie des Proletariats, die zur Diskussion gestellt werden; es handelt sich um die grundsätzlichen Bündnisbeziehungen zwischen Arbeitern und Bauern, die gestört und in Gefahr gebracht werden, das heißt die Grundpfeiler des Arbeiterstaates und der Revolution.“5
Das Einzige, was er beanstandet, ist „die wilde Leidenschaft“, mit der der Fraktionskampf in der KPdSU geführt wurde.
Zu behaupten, dass dies eine verschleierte oder versteckte Unterstützung der Opposition darstellt, ist reine Selbsttäuschung. In einem Buch des US-amerikanischen Akademikers Emanuele Saccarelli mit dem Titel Gramsci and Trotsky in the Shadow of Stalinism (2008) wird argumentiert, „Gramscis Beschwerden über Trotzki“ wurden „als eine Art bequeme Abkürzung für den von Stalin in der dritten Periode auferlegten Linksradikalismus verwendet“. Gramsci war ein großer Kenner Machiavellis, und es kann sein, dass er die Figur des Oppositionsführers zum Teil als Zielscheibe für eine verschlüsselte Kritik an Stalin benutzte (obwohl er keine Ahnung hatte, ob seine Notizen jemals veröffentlicht werden würden). Aber Gramscis weitreichende Kritik und kategorische Ablehnung der Politik Trotzkis sind zweifellos echt und vor allem im Einklang mit dem Rest seiner Politik, die rechtsgerichtet war.
Es stellt sich also die Frage: Wenn es nicht aus Verwirrung, Unwissenheit, Missverständnissen oder einem machiavellischen Trick geschieht, warum postulieren die Pseudotrotzkisten dann die Vereinbarkeit von Gramsci mit Trotzkis Politik? Nehmen wir die Trotzkistische Fraktion (FT, nach ihren Initialen auf Spanisch), die, nebenbei bemerkt, Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende von Wörtern in ihrem Bestreben geschrieben hat, den Gramscismus mit dem Trotzkismus zu verbinden. In einem Artikel aus dem Jahr 2015 in der Zeitschrift der FT räumen Emilio Albamonte und Matías Maiello die eklatanten Widersprüche zwischen den Ansätzen von Gramsci und Trotzki in einer Reihe von Fragen ein und bezeichnen sie als „Lücke im Denken des italienischen Revolutionärs“, die sie als „die wichtigste Quelle von Unklarheiten in seinen strategischen Überlegungen“ zur Einheitsfront, zum „Stellungskrieg“ usw. betrachten. Aber wenn es bei so wichtigen Fragen „Lücken“ und „Mehrdeutigkeiten“ gibt, warum erheben sie dann Anspruch auf Gramsci?
Das liegt daran, dass der Vorkämpfer des Kampfes um die „Hegemonie“ im Kapitalismus ihnen eine theoretische Rechtfertigung für ihre wahlorientierte und „demokratistische“ Politik im Allgemeinen liefert. Dieselben Sprecher haben die Verbindung in einem Artikel aus dem Jahr 2016 mit dem Titel „Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie“,6 der die Leitlinie der Politik der FT darlegt, näher ausgeführt. Dort schreiben sie, „die Frage der Entwicklung eines radikaldemokratischen Programms [war] ein Schlüsselpunkt in Gramscis Kampf gegen die ultralinken Tendenzen im italienischen Kommunismus“, und dass dies „viele Ähnlichkeiten“ mit Trotzkis Ansatz in Spanien im Jahr 1931 aufweise. Sie fassen die Politik des großen Revolutionärs wie folgt zusammen: „Trotzki: Radikale Demokratie, Einheitsfront und Räte“ und behaupten sogar, dass nach Ansicht des Gründers der Roten Armee „Revolutionär*innen bereit sind, ein Übergangsprogramm aufzustellen, das die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie gegen die Angriffe der Bourgeoisie beinhaltet, mit dem Ziel eine Arbeiter*inneneinheitsfront aufzubauen“.
Falsch. Dies ist eine völlige Verdrehung der Politik Trotzkis, der nie ein „Programm der radikalen Demokratie“ vorgelegt oder zur „Verteidigung der bürgerlichen Demokratie“ aufgerufen hat. Ganz im Gegenteil: In seinem Artikel „Die Tragödie Spaniens“7 (Januar 1939) stellt Trotzki unumwunden fest: „Die Losung ‚Verteidigung der Demokratie‘ hat wieder einmal ihren reaktionären Inhalt und gleichzeitig ihre Leere bewiesen.“8 (Übrigens werden diejenigen, die sich näher mit diesem Thema befassen möchten, diesen Artikel in den Sammlungen des CEIP [Centro de Estudios, Investigaciones y Publicaciones León Trotsky, das mit der Trotzkistischen Fraktion verbunden ist] vergeblich suchen, aber er ist in der von Fontanella herausgegebenen Ausgabe von Trotzkis Schriften über Spanien zu finden.)
„Verteidigung der Demokratie“ war der verräterische Slogan der Stalinisten und Sozialisten in Spanien, nicht Trotzkis. Wofür Trotzki in den imperialistischen – das heißt fortgeschrittenen kapitalistischen – Ländern tatsächlich eintrat, war, zu bestimmten Zeitpunkten einige demokratische Forderungen zu erheben, denen die Bourgeoisie und die Reformisten ablehnend gegenüberstanden. Dies wäre jedoch ein untergeordnetes und nebensächliches Element, weit entfernt von einem Programm. Und natürlich trat Trotzki im Spanischen Bürgerkrieg für die militärische Niederlage der reaktionären Truppen Francos ein, betonte aber gleichzeitig, dass das ein Teil des dafür notwendigen Kampfes für eine proletarische Revolution gegen die Volksfront der Klassenzusammenarbeit sei.
Im selben Text entwickeln Albamonte und Maiello dann die Hauptaspekte der Politik der Trotzkistischen Fraktion: die Priorität, die der Teilnahme an Wahlen eingeräumt wird, die Losung der Verfassungsgebenden Versammlungen, die sie fast überall erheben, und die damit einhergehenden Forderungen nach „radikaler Demokratie“. Wir haben es auch auf dieser Konferenz gehört, in der Präsentation der brasilianischen FT-Führerin Diana Assunção am 2. August, als sie, wenn ich es richtig verstanden habe, „radikale Demokratie“ als Antwort auf die von [dem chilenischen Präsidenten] Sebastián Piñera und der Sozialistischen Partei ausgeheckte Verfassunggebende Versammlung entgegensetzte. Aber gerade in Chile kann man so deutlich sehen, wie der Slogan einer verfassunggebenden Versammlung den Politikern, die die bürgerliche Herrschaft verteidigten, als „demokratischer“ Ausweg aus der Krise diente, in der sie sich im Oktober und November 2019 befanden.9 Die Forderungen der Massen, die zu dieser Zeit aufstanden, konnten im Kapitalismus nicht erfüllt werden. Sollte die Alternative der Trotzkisten zur Verfassunggebenden Versammlung eine „freie und souveräne Verfassungsgebende Versammlung“10 sein? Auf keinen Fall, wir müssen für eine Arbeiterregierung kämpfen, die auf Arbeiterräten basiert. In Brasilien ist die Alternative zum bonapartistischen Regime von Bolsonaro, Murão und den Generälen weder eine breite Front noch eine Volksfront, noch die PT [Arbeiterpartei] oder eine bürgerliche verfassunggebende Versammlung, egal wie radikal sie vorgibt zu sein, sondern der Kampf für eine sozialistische Revolution.
Eine Randbemerkung: In Argentinien gibt es andere Sektoren, die die Faszination für Gramsci kritisieren, wie die Partido Obrero und ihr Umfeld. Aber in Wirklichkeit sind die praktischen Unterschiede gar nicht so groß, und trotz manchmal stürmischer Auseinandersetzungen sind sie gemeinsam in der Front der Linken und der Arbeiter (FIT), in ihrer neuesten Version 2.0 namens „Einheit“ (FIT-U) oder in früheren Versionen solcher Propagandablöcke, wie es auch in zukünftigen Blöcken der Fall sein wird. Wir haben darüber in einem Artikel aus dem Jahr 2018 geschrieben,11 und 2007 auch über die Slogans, die überall zu verfassunggebenden Versammlungen aufriefen.12
Dies bringt mich zum zweiten Teil meiner Präsentation, nämlich, dass die Gegensätze zwischen Trotzkismus und Gramscismus nicht auf den theoretischen Bereich beschränkt sind. Zunächst einmal beugte sich Gramsci nicht nur der „Generallinie“ der stalinistischen Führung der Komintern, sondern er war es auch, der die Säuberung der Linken in der Kommunistischen Partei Italiens im Namen der „Bolschewisierung“ anführte, was sich als ein Zwischenschritt zur vollständigen Stalinisierung der Dritten Internationale herausstellte. Dabei wandte er dieselben bürokratischen Methoden an, die seine Kollegen in anderen kommunistischen Parteien auf der ganzen Welt anwandten, wie der Text des italienischen trozkistischen Akademikers Paolo Casciola mit dem Titel „Gramsci lag auch falsch …“13 zeigt. Natürlich stand die PCI-Linke damals unter der Führung von Amadeo Bordiga, der bekanntlich demokratische Parolen generell ablehnte, sich der von Lenin und Trotzki befürworteten Einheitsfrontpolitik der Komintern widersetzte und die Teilnahme an bürgerlichen Wahlen und bürgerlichen Parlamenten ausschloss. Gramscis Politik ging ins andere Extrem, nach rechts.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass es zwar offensichtlich eine Entwicklung von den Ansichten des jungen Gramsci zu seinen Überlegungen im mittleren Alter unter schrecklichen Gefängnisbedingungen gab, viele der Motive in seinen Gefängnisheften jedoch bereits in früheren Jahren vorhanden waren. Insbesondere wenn er von einer „organischen Krise“ spricht, in der „die herrschende Klasse den Konsens verloren hat“ und nur noch auf „reine Zwangsgewalt“ angewiesen ist, weil sich die Massen „von den traditionellen Ideologien abgewandt haben“, beschreibt er dies wie folgt: „Die Krise besteht genau darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.“ Und er fügt hinzu: „In diesem Interregnum finden die unterschiedlichsten krankhaften Phänomene statt.“ Offensichtlich spricht er unter anderem vom Ausbruch des Faschismus.
Tatsächlich verwendete Gramsci 1920, in den Monaten vor der berühmten Besetzung der Fabriken in Turin im September desselben Jahres, sehr ähnliche Ausdrücke. Nicht nur er, sondern die gesamte „maximalistische“ Führung der Sozialistischen Partei Italiens (PSI)14 war davon überzeugt, dass die Situation revolutionär war, die Massen jedoch noch nicht reif genug waren, um einen Kampf um die Macht zu beginnen. Im April 1920 fand in Mailand eine Sitzung des Nationalrats der PSI statt, während in Turin ein Generalstreik stattfand, der bis dahin größte in der Geschichte Italiens. Serrati, der wichtigste zentristische Anführer, eröffnete die Debatte und betonte, „wir befinden uns in einer anderen Situation als die russischen Genossen, die sich in einem Umfeld befanden, in dem der Staat und mit ihm alle bürgerlichen Institutionen zerfallen waren. Wir sind mit einem bürgerlichen Staat konfrontiert, der mit all seinen Kräften noch steht. Deshalb brauchen wir eine andere Taktik“ (Avanti!, 20. April 1920). Der zentristische Führer, der das Haupthindernis für die Proklamation einer kommunistischen Partei in Italien darstellte, führt also dasselbe Argument an, das Gramsci in seinen Gefängnisheften anführt, um die Überlegenheit des „Stellungskriegs“ im Westen zu rechtfertigen.
Serrati bestand darauf, „die Situation ist in der Tat revolutionär“, denn „die gesamte bürgerliche Welt bröckelt und eröffnet uns die Möglichkeit, die Führung selbst in die Hand zu nehmen“. Er schloss mit der Bemerkung, dass dies seit dem Ende des Weltkriegs der Fall gewesen sei, aber trotz der Tatsache, dass „das Proletariat große Hoffnungen gehegt hatte, sahen wir, dass wir immer noch nicht über die notwendigen Mittel verfügten, um die Macht zu übernehmen“. Und so weigerte er sich, den Generalstreik auf das ganze Land auszuweiten, was zu seiner Niederlage führte. Als Reaktion auf diesen Verrat schrieb Gramsci später (L’Ordine Nuovo, 8. Mai 1920) und machte den „allgemeinen Zustand der italienischen Gesellschaft“ dafür verantwortlich. Er erklärte, „die Arbeiterklasse von Turin wurde mit Sicherheit besiegt, weil in Italien die notwendigen und ausreichenden Bedingungen für eine organische und disziplinierte Bewegung der gesamten Arbeiterklasse und Bauernschaft nicht existieren, sie sind noch nicht ausreichend gereift“. Er griff auf dieselben Argumente zurück wie Serrati, der mit solchen Rechtfertigungen den Turiner Arbeitern in den Rücken fiel.
Dasselbe geschah dann bei den Fabrikbesetzungen im September desselben Jahres. Alle, auch die Wortführer der Bourgeoisie, erwarteten, dass die Metallarbeiter mit Gramscis Ordine-Nuovo-Gruppe an der Spitze die Gelegenheit nutzen würden, um den letzten Schlag zu versetzen. Aber nein: Obwohl sie die Fabriken besetzt hatten, gingen sie nicht auf die Straße, um gegen die sehr schwachen Polizei- und Militäreinheiten zu kämpfen, und sie riefen die Eisenbahnarbeiter nicht zu einem Generalstreik in ganz Italien auf. Tatsächlich stellten sie nicht einmal die Produktion in diesen Fabriken ein. Warum nicht? Weil es in der gramscianischen Konzeption der Fabrikräte darum ging, den Bossen und den Arbeitern selbst zu zeigen, dass sie in der Lage waren, die Produktion zu leiten. Für Lenin und Trotzki und die junge Kommunistische Internationale war die Arbeiterkontrolle dagegen der Auftakt zum Aufstand. Aber weder 1920 noch in seinen Notizbüchern befasste sich Gramsci mit der Vorbereitung eines Arbeiteraufstands. Stattdessen kämpfte er für die Eroberung der Hegemonie in der Gesellschaft.
Das Urteil der Führer der Kommunistischen Internationale über die Ereignisse vom September 1920 und die vorangegangenen Monate in Italien wurde von Lenin auf dem Dritten Kongress der Dritten Internationale im folgenden Jahr zum Ausdruck gebracht, als er sagte: „Hat sich denn während der Fabrikbesetzung in Italien dort auch nur ein einziger Kommunist hervorgetan? Nein, der Kommunismus existierte damals noch nicht in Italien…“15 Und das schloss Gramsci mit ein. Der PCI-Historiker Paolo Spriano fasste die Politik von Ordine Nuovo als Abbild des gesamten linken Flügels der PSI zusammen, „die perfekt zum klassischen Maximalismus passt, mit seiner … glühenden Sprache, kombiniert mit dem ewigen Warten auf den besseren Moment und dem ständigen Aufschieben“. Das Ergebnis im September 1920 war eine weitere Niederlage, und diesmal von verheerendem Ausmaß, denn es waren die Faschisten, die mobilisierten, die Straßen eroberten und einen weißen Terror gegen die aufständischen Bauern auslösten, die von den Gramscianern aus Turin im Stich gelassen worden waren.
Gramscis Politik wurde von italienischen Historikern als „molekulare Zersetzung“ der bürgerlichen Verwaltung und „kapillare Konstruktion“ einer vermeintlichen Doppelherrschaft zusammengefasst. Mit linken Argumenten billigte er in der Tat die Lähmung der anderen zentristischen Sektoren der Sozialistischen Partei Italiens. Diese Politik war verantwortlich für die Niederlage der Arbeiterkämpfe des italienischen Biennio Rosso (Rote Zwei Jahre) von 1919–1920 und die daraus resultierende Isolation der jungen Sowjetrepublik mit ihren verheerenden Folgen. In Italien war der Triumph des Faschismus zwei Jahre später mit dem Marsch auf Rom von Mussolini und seinen Squadristi die Strafe der Geschichte dafür, dass das Proletariat die Macht im richtigen Moment nicht ergriffen hatte. Und der Weg, der zur Katastrophe von 1922 führte, war das Ergebnis des Verrats vom September 1920, der wiederum ein getreues Abbild der Politik des ewigen Abwartens von Gramsci und den anderen Anführern der sozialistischen Linken in Italien war.
Zu dieser Zeit der historischen Katastrophe brachte Gramsci erneut seine Politik der Passivität zum Ausdruck. In einem neu entdeckten Artikel, den er am 7. November 1922, also am fünften Jahrestag der bolschewistischen Revolution, für die Prawda verfasste, schrieb Gramsci über den faschistischen Marsch, der einige Tage zuvor stattgefunden hatte: „Die Machtergreifung der Faschisten reduziert die Aktivität der italienischen Kommunistischen Partei auf die einer rein konspirativen Bewegung.“ Aber er stellt fest, „die Widersprüche der italienischen Gesellschaft … haben sich in den letzten zwei Jahren deutlich manifestiert“ und „daher, trotz der Schwere der gegenwärtigen Situation, sind die Zukunftsaussichten für das Proletariat und seine Partei nicht besonders negativ“. Nun, das war leider nicht der Fall.
Der Kampf für den revolutionären Trotzkismus erfordert ein strenges historisches Urteil über das entgegengesetzte gramscianische Erbe.